Oft vergessen: Armut unter Selbständigen

von Ronny Lannoo, Mitglied der Gruppe Vielfalt Europa des EWSA, belgischer Mittelstandsverband UNIZO

Wer denkt bei Selbständigen nicht an Erfolgsmenschen, die das „schnelle Geld“ machen? Dieses Zerrbild lässt die zahlreichen Herausforderungen, mit denen Unternehmer konfrontiert sind, völlig außen vor. Selbständigkeit ist immer auch ein geschäftliches und privates Risiko.

Und scheitert der Selbständige, ist die (versteckte) Armut oft nicht fern. Dass dies häufig vergessen wird, liegt zum Teil daran, dass Selbständige es gewohnt sind, ihre Probleme weitestmöglich allein zu lösen.

Wenn öffentlich bekannt wird, dass ein Unternehmen Probleme hat, ist das schlechte Publicity und schambehaftet. Solche Unternehmen zögern die Suche nach angemessener Unterstützung hinaus oder vermeiden sie sogar ganz.

In Belgien leben etwa 12,7 % der Selbständigen unter der Armutsgrenze. Zu den Gründen, warum sie in Schwierigkeiten geraten, gehören schlechtes Management, Unternehmensgründung ohne soliden Geschäftsplan, Krankheit und säumige Zahler.

Und dann gibt es auch noch die Probleme, gegen die Selbständige ganz und gar machtlos sind. Ein dramatisches Beispiel dafür ist die Corona-Krise, die nach den Prognosen der Europäischen Kommission eine Welle von Insolvenzen nach sich ziehen wird.

Wir müssen das Problem erkennen und darüber reden: weniger Angst, mehr Prävention und einfachere Wege, um Hilfe zu suchen. Insbesondere die Wirtschaftsverbände sind gefragt. Sie sollten nicht warten, bis sie angesprochen werden, sondern vielmehr Unternehmen, die in Schwierigkeiten stecken, aufsuchen und sie umfassend über Hilfsangebote informieren.

Dienstleistungen wie Schulungen, Weiterbildungen und Coaching in der Unternehmensführung, frühzeitiges Erkennen von Warnsignalen und andere Maßnahmen könnten viele Insolvenzen verhindern. Einige dieser Maßnahmen wurden während der Pandemie ausgeweitet und verstärkt, doch bleibt noch viel zu tun, um die Armut unter Selbständigen in ganz Europa zu verringern.