Im März 2020 wurde uns zunehmend klar, dass die COVID-19-Pandemie mehr als eine Gesundheitskrise ist und etliche Aspekte unseres Lebens beeinflussen wird. Auch bei Verbänden und Aktivisten setzte sich die Erkenntnis durch, dass wir uns in unserem Arbeitsalltag neuen Herausforderungen stellen müssen. Wie sich herausstellte, kam alles aber noch schlimmer als erwartet.

Im Mai 2020 organisierten wir einen „virtuellen Umtrunk“. Nach zwei Monaten Lockdown und Homeoffice beschlossen wir, uns zu einem ersten Gedankenaustausch über die jüngste Zeit zu treffen.

Mit Kolleginnen und Kollegen vom Europäischen Bürgerforum, einem Netz aus 100 Verbänden und NRO aus 27 europäischen Ländern, die sich aktiv u.a. für politische Bildung, Menschenrechte und Demokratieförderung einsetzen, haben wir eine mehrstündige leidenschaftliche Debatte geführt. Und obwohl jeder seine persönliche nationale Perspektive einbrachte, gelangten wir zu ähnlichen Schlussfolgerungen.

Aus diesen Diskussionen konnten wir eine Reihe von Lehren ableiten.
Lehre eins: Unsere eigene Sicherheit ist untrennbar mit der Sicherheit unserer Mitmenschen verbunden.
Wir brauchen einen universellen Gesundheits- und Sozialschutz für alle Menschen, in unserer Gesellschaft daheim und weltweit.

Lehre zwei: Wir alle sind verletzlich und unsere Schicksale sind miteinander verbunden.
Solidarität, Gleichheit, Rechte und Fürsorge müssen die Grundlage der internationalen Beziehungen und des Alltags der Menschen bilden.

Lehre drei: Es gibt ein Gemeinwohl.
Öffentliche Einrichtungen müssen diesem Gemeinwohl – und nicht Partikularinteressen – verpflichtet sein, es schützen und umsetzen.

Lehre vier: Demokratie ist das Mittel gegen das Virus, das wir alle brauchen.
Das Bewusstsein und die Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger, verlässliche Informationen, öffentliche Forschung und Bildung sowie transparente Institution tragen allesamt zum Gemeinwohl bei.

Lehre fünf: Der Weltmarkt hat versagt.
Wir müssen die Produktion nach Europa zurückholen, eine Kreislaufwirtschaft aufbauen und ein universelles Grundeinkommen einführen.

Lehre sechs: Die Erde ist uns anvertraut worden. Wir sind aber nicht ihre Besitzer.
Die Natur freut sich über den Lockdown und erholt sich von den Schäden, die wir ihr zugefügt haben. Wir müssen auf der Welt die Umweltgerechtigkeit wiederherstellen.

Lehre sieben: Die systemrelevanten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind die wahren Helden. Frauen stehen dabei an vorderster Front.
Die Leistungen der Frauen müssen in der sozialen Hierarchie gewürdigt werden. Die „Unsichtbaren“ müssen in den vollen Genuss ihrer Rechte kommen.

Lehre acht: Die Zeit für Entschleunigung ist gekommen.
Der Lockdown hat uns zur Rückbesinnung auf soziale Bindungen, Geduld und Mitmenschlichkeit gezwungen. Diese Güter müssen wir dauerhaft hochhalten.

Lehre neun: Wir brauchen menschliche, soziale und ökologische Sicherheit.
Wir kämpfen für einen gerechten Aufbau und einen gerechten Wandel in unserem Land, in Europa und in der Welt.

Lehre zehn: Die Zukunft darf nicht so werden wie die Vergangenheit.
Wir müssen diese Lehren beherzigen und gemeinsam handeln.

Nutzen wir die Chance, um nach der Krise mehr zu lernen? Können wir die Krise in eine neue Chance verwandeln?
Meiner Überzeugung nach muss die Zukunft anders aussehen als die Vergangenheit.