Von Christophe Préault, Redaktionsleiter von Touteleurope.eu

Bei der Wahl zum Europäischen Parlament 2024 hat die rechtsextreme französische Partei Rassemblement National die Umfragen weit übertroffen und das beste Ergebnis ihrer Geschichte erzielt. Zudem stimmten mehr als ein Drittel der unter 35-Jährigen für sie. Unser heutiger Gast ist Christophe Préault, Redaktionsleiter von Touteleurope.eu. Er analysiert den Erfolg des Rassemblement National und seines erst 28 Jahre alten Parteiführers Jordan Bardella, der aus einem Pariser Vorort stammt und auf Tiktok allgegenwärtig ist.

Bei der Wahl zum Europäischen Parlament im Juni 2024 erzielte der Rassemblement National (RN) ein in seiner Geschichte beispielloses Ergebnis und vereinigte fast ein Drittel der Wählerstimmen (31,4 %) auf sich. Die rechtsextreme Partei steht in fast allen Alters-, Gesellschafts- und Berufsgruppen an der Spitze und mischt somit die politischen Karten neu. Das gilt vor allem für junge Menschen: 32 % der 25- bis 34-Jährigen stimmten für die Liste von Jordan Bardella und bei den 18- bis 24-Jährigen legte sie im Vergleich zur Europawahl 2019 um mehr als 10 Prozentpunkte (26 %) zu.

Diese Attraktivität des RN für die Jugend ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Da ist zuerst einmal Bardellas Persönlichkeit. Der Spitzenkandidat bei der Europawahl und Vorsitzende seiner Partei tritt ganz anders auf als traditionelle Politiker. In den Augen junger Menschen spricht er Klartext, ist aufrecht und wirkt in einer von Misstrauen gegenüber der Politik geprägten Zeit ehrlich. Auch mit seinem persönlicher Werdegang können sich viele identifizieren: Er stammt aus der Mittelschicht, ist in einem Pariser Vorort (Seine-Saint-Denis) aufgewachsen, war auf keiner Eliteschule und hat kein Universitätsdiplom, sondern nur das Abitur in der Tasche. Damit kommt er bei diesen Jugendlichen aus einfacheren Verhältnissen, die sich Fragen über ihre Zukunft stellen und sich vernachlässigt oder sogar vergessen fühlen, gut an.

Bei den 18- bis 34-Jährigen hat er auch deshalb so großen Erfolg, weil er selbst jung ist. Mit 28 Jahren kennt er die Codes dieser Generation genau und weiß sie einzusetzen. Interessanterweise verkörperte 2017 Emmanuel Macron diesen Triumph der Jugend, wenn auch in einer anderen Gesellschaftsschicht.

So schlägt der RN aus der Persönlichkeit seines Spitzenkandidaten und aus seinem weitgehend in den sozialen Medien gepflegten Image Kapital. Jordan Bardella ist auf Tiktok allgegenwärtig. In seiner Wahlkampfstrategie spielt dieses Videoportal in einer Zeit, in der sich junge Menschen nicht mehr über klassische Mediennetze informieren, eine wichtige Rolle. Seine Beliebtheit dort wächst (1,6 Millionen Follower). Er spricht nicht über eine Reform der EU-Verträge, die Ukraine oder den Grünen Deal. Nein, er setzt vor allem seinen Alltag in Szene, gratuliert zum Muttertag, filmt sich in seinem Büro und wenn er unterwegs ist. Er schließt sich Trends an und spricht über angesagte Themen. Sogar mit Gamern, den jungen (und weniger jungen) Videospiel-Begeisterten, ist er auf Augenhöhe.

Die zunehmende Kluft zwischen den jungen Generationen und der traditionellen politischen Welt stärkt sein Image, seine Positionierung und den populistischen Diskurs, während sich die Sorgen der Wähler seit der Europawahl 2019 gewandelt haben. Der Kampf der Jugend für Umweltfragen von 2019 hat sich auf andere Themen verlagert, die gleichermaßen bewegend, aber näher an ihrem Alltag sind. Heute geben die (mit der Einwanderung verknüpfte) Unsicherheit und die Kaufkraft Anlass zur Sorge. Die rechtsextreme Partei nährt sich von dieser Wut und macht sich das Gefühl einer Generation zunutze, die sich für benachteiligt hält. Die politische Klasse insgesamt hat den Auswirkungen der COVID-19-Krise von 2020 nicht ausreichend Rechnung getragen. Durch die COVID-19-Pandemie sind die bereits zuvor für junge Menschen in Frankreich und Europa auf dem Arbeitsmarkt bestehenden Ungleichheiten dramatisch deutlich geworden und haben sich weiter verschärft. Dasselbe gilt für den Zugang zu Bildung. In einer Zeit, in der die vollständige Digitalisierung als Allheilmittel gilt, ist es noch schwieriger geworden, zu studieren oder auch nur eine Ausbildung zu absolvieren.

Also: Anstatt sich um den RN zu sorgen, gilt es, sich zunächst mit seinen Wählern zu befassen, insbesondere mit der Jugend aus der Mittelschicht. Sie braucht klare, konkrete Antworten, die ihren Bedenken Rechnung tragen: zunehmende Gewalt in der Gesellschaft, Abbau öffentlicher Dienste im ländlichen Raum, Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche oder bei der Wahl der Ausbildung und das Gefühl einer außer Kontrolle geratenen Einwanderung. Für die traditionellen politischen Parteien heißt das, einen Schritt zurückzutreten und sich um diejenigen zu kümmern, die man nicht auf dem Radar hat, die man nicht beachtet, weil sie politikfern und unengagiert sind. In diesem Kampf ist die Europäische Union trotz zahlreicher Programme für Jugend, Bildung und Beschäftigungsförderung sowie gegen Prekarität kaum sichtbar. Sicherlich bietet Erasmus durch die Förderung der Mobilität unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen (Auszubildende, Arbeitslose usw.) und die Vermittlung neuer Erfahrungen eine erste Antwort, aber das ist natürlich heute längst nicht genug. Eine Lösung zu finden, heißt auch, sich die richtige Frage in Bezug auf die Migrationssteuerung zu stellen, dem zentralen Thema unserer Zeit, das die Gesellschaft spaltet. Ein Thema, das trotz des vor Kurzem angenommenen europäischen Migrations- und Asylpakets weiter die Gemüter erregt.

Christophe Préault ist Journalist und Redaktionsleiter von Touteleurope.eu, einer Informationswebsite mit Artikeln über Arbeitsweise und Politik der Europäischen Union. Er verfügt über langjährige Erfahrung mit aktuellen Themen, insbesondere Europa- und Wirtschaftsfragen. Der Absolvent des Institut d'études politiques in Bordeaux und des Europastudiengangs an der École nationale d’administration (ENA) leitet heute die Redaktion von Touteleurope.eu und moderiert regelmäßig Debatten und Konferenzen zu europäischen Themen.