Der Gewerkschaftsvertreter Peter Schmidt schildert die Herausforderungen für die deutschen Gewerkschaften zwischen Kurzarbeit und Entlassungen auf der einen und Sicherheitsrisiken für systemrelevante Beschäftigte auf der anderen Seite.

Wie erleben Sie die Coronavirus-Krise?

Das Leben hat irgendwie surreale Züge angenommen. Wir entdecken, wie verletzlich unsere Gesellschaften, wie anfällig unsere Wirtschaftssysteme sind.

Was bedeutet diese Krise für Sie und Ihre Organisation?

Für mich als Gewerkschafter ist es wichtig, dass wir aufeinander zugehen und miteinander reden. Die Vereinigungsfreiheit ist eine tragende Säule unserer Demokratie. Wir sehen, wie wichtig dieses Recht ist, und verstehen, dass wir dafür kämpfen müssen, dass es auch in Zukunft gewahrt bleibt.

In einigen Fällen konnten wir auf der Grundlage ausgezeichneter Beziehungen mit den Arbeitgebern den sozialen Dialog am Leben erhalten und für alle Beteiligten vorteilhafte Vereinbarungen treffen. In anderen Fällen aber fanden sich letztlich sowohl die Arbeitnehmer als auch die Unternehmen auf der Verliererseite wieder.

Wie haben Sie den Lockdown erlebt?

Am meisten hat mich die ungemeine soziale Solidarität zwischen Nachbarn und Freunden beeindruckt. Auch die Entschleunigung der Gesellschaft fand ich bemerkenswert.

Was hat Ihnen in dieser schwierigen Zeit am meisten gefehlt?

Freunde und Familie treffen, Restaurantbesuche.

Welche Lehren können wir aus dem Lockdown ziehen?

In unserer Gesellschaft sind Krankenschwestern und -pfleger, Verkäuferinnen und Verkäufer, Müllwerker, Putz- und Reinigungskräfte usw. systemrelevant, werden jedoch mit am schlechtesten bezahlt. Das Virus hat unsere wirtschaftliche Schwäche offenbart, und deshalb brauchen wir einen Wandel hin zu einer Ökonomie des Wohlergehens.

Welche Hoffnungen gibt es für diejenigen, deren Arbeitsplätze bedroht sind?

Dass die Mitgliedstaaten ihre Lektion gelernt haben und sie über ihre Verträge hinaus unterstützen werden.

Wen wollen Sie als allererstes besuchen, wenn das alles vorbei ist?

Meine Mutter. Sie lebt in einem Altersheim, in dem nach wie vor Besuchsverbot herrscht.