Die Digitalisierung als Chance, das Potenzial neurokognitiver Minderheiten zu erschließen

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In der Januar-Sitzung der Fachgruppe Verkehr, Energie, Infrastrukturen, Informationsgesellschaft (TEN) des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses (EWSA) wurde darüber diskutiert, wie das Potenzial der Neurodiversität zum Tragen gebracht und damit die gesellschaftliche Inklusion der Angehörigen der sog. neurokognitiven Minderheiten erleichtert werden kann.

Die digitale Revolution eröffnet die Chance, das Potenzial von Menschen zum Tragen zu bringen, die als Angehörige neurokognitiver Minderheiten gelten, und ihre Teilhabe an der Gesellschaft zu fördern. Menschen mit Autismus, einem hohen IQ, Hyperaktivität, Legasthenie und Dyspraxie empfinden es aufgrund allgemein vorherrschender Vorurteile und ihrer spezifischen verbalen Kommunikationsprobleme als schwierig, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Aber auch wenn sie nicht über „normale“ Sozialkompetenzen verfügen, sind sie doch in der Lage, anspruchsvolle technische Kompetenzen zu entwickeln. Dadurch wäre zweifellos vielen europäischen Unternehmen bei der Schließung der Technologielücke geholfen, während gleichzeitig Möglichkeiten der sozialen Inklusion geschaffen würden.

In der Januar-Sitzung der Fachgruppe TEN des EWSA fand eine Podiumsdiskussion über „Neurodiversität und Digitalisierung“ statt. Hugo Horiot, Autor des Buchs Autisme, j'accuse! und selbst Autist, gab die Richtung der Debatte vor und ging auf das Potenzial der digitalen Revolution für außergewöhnlich begabte Menschen ein. Ihm zufolge umfasst der generische Begriff der „Neurodiversität“ sämtliche neurokognitiven Besonderheiten der Menschen, die er als „Neurofamilie“ bezeichnete. Es gibt viele Nischenbereiche, in denen bestimmte hochspezifische Kompetenzen erforderlich sind, die aber kaum jemand mitbringt, da das System diejenige neurokognitive Gruppe, die über diese Fähigkeiten verfügt, ablehnt. Beispielsweise Hacking. Wir brauchen gute Hacker in der Cyberabwehr. Es gibt 18‑20‑Jährige mit überragenden Fähigkeiten in diesem Bereich, die es aber nicht geschafft haben, ein Diplom oder eine andere offizielle Anerkennung zu erwerben. Wir müssen die Unternehmen und die Institutionen dazu bewegen, anstatt der gängigen, auf Sozialkompetenzen ausgerichteten Einstellungs- und Bewertungsverfahren neue Methoden anzuwenden.

Entscheidend ist die Erkenntnis, dass alle Menschen sich gegenseitig ergänzen und in der Lage sind, auf vielfältige Weise zur Gesellschaft beizutragen. Wir sind alle unterschiedlich voneinander, erklärte der Vorsitzende der Fachgruppe TEN, Pierre Jean Coulon. Jedoch gibt es Unterschiede, die als akzeptabel gelten, da sie niemanden stören und beeinträchtigen, und es gibt Unterschiede, die nicht akzeptiert werden, eben wie Neurodiversität.

Für die Anerkennung und Wahrnehmung der Menschen, die diesen neurokognitiven Gruppen angehören, ist Sensibilisierungsarbeit unerlässlich. Ariane Rodert, Vorsitzende der Fachgruppe INT des EWSA, betonte, dass in der EU eine inklusive Gesellschaft mit einem breiteren Spektrum an Unternehmensformen angestrebt werden muss. Wir stehen vor enormen gesellschaftlichen Herausforderungen“, ermahnte sie. „Es kommt nun darauf an, all unsere gesellschaftlichen Ressourcen zu bündeln, um die richtigen Lösungen zu finden.

Die potenziell hochspezifischen Kompetenzen von Angehörigen atypischer neurokognitiver Gruppen werden insbesondere im Bereich der künstlichen Intelligenz benötigt, in dem sich soziale und ethische, aber auch hochtechnische Probleme stellen, wie Catelijne Muller, Vorsitzende der Temporären Studiengruppe Künstliche Intelligenz des EWSA, erläuterte: Ich bin absolut überzeugt davon, dass Menschen mit Behinderungen Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten sind. Der Kompetenzmangel ist zu einem unserer drängendsten Probleme geworden, und höhere Intelligenz, stärkeres Konzentrationsvermögen, stärkere Detailgenauigkeit und das Vermögen, lang zu arbeiten, ohne sich ablenken zu lassen, sind entscheidende Pluspunkte für die Arbeit im Bereich der künstlichen Intelligenz.

Laut Ulrich Samm, dem Vorsitzenden der Temporären Studiengruppe Digitale Agenda des EWSA, müssen im Mittelpunkt der digitalen Entwicklung ausnahmslos die Menschen stehen, wobei zu prüfen ist, welchen Beitrag die neuen Technologien leisten können. Wir sollten eine positive Diskriminierung in Betracht ziehen, befand er. Wir müssen das Potenzial hochqualifizierter Menschen ausschöpfen und die neuen Technologien ergänzend nutzen.

Zu bedenken ist, dass verschiedenen Prognosen zufolge ca. 65 % der heutigen Schüler später Berufe ausüben werden, die es aktuell noch gar nicht gibt, und dass die von den Unternehmen benötigten Kompetenzen immer weniger den in den Schulen vermittelten Qualifikationen entsprechend werden. Die Erschließung des Potenzials neurokognitiver Minderheiten würde nicht nur einen wesentlichen gesellschaftlichen Beitrag leisten, sondern auch die Inklusion von Menschen ermöglichen, die über eine Intelligenz verfügen, die einfach anders ist. Damit würde einer gesellschaftlichen Gruppe ohne Perspektive die Chance eröffnet, auf innovative Weise an unserer Gesellschaft teilzuhaben, schloss Hugo Horiot.

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