Wir helfen ukrainischen Flüchtlingen, ihr Leben und ihre Wirtschaftstätigkeit in Polen wiederaufzubauen

Tomasz Wróblewski, Mitglied des EWSA, Polen

Nach Beendigung dieses Krieges wird sich Europa nicht mehr über die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges oder des Kalten Krieges definieren, sondern über all das, was derzeit in der Ukraine passiert, sowie über die noch gar nicht absehbaren Folgen davon. Die Erfahrungen, die wir gerade sammeln, und die Lehren, die wir daraus ziehen, werden die meisten unserer bisherigen Vorstellungen von der Welt verändern.  

Für Polen wird all dies als ein für das Selbstverständnis des Landes entscheidender Moment für immer in die Geschichtsbücher eingehen. Das, was wir angesichts der Flucht von Millionen von Menschen vor dem Grauen über die Fragilität der Welt gelernt haben, aber auch das, was wir durch die Aufnahme Hunderttausender von Fremden bei uns zu Hause über uns selbst gelernt haben, wird uns auf Jahre prägen.

Manchmal wird in Polen von der „Ukrainisierung“ des Landes gesprochen, im Sinne einer geistigen Anverwandlung der beiden Völker.
 2,7 Millionen Menschen, die zu uns gekommen sind, haben in Polen Unterkunft und Hilfe bekommen, und ihre Kinder einen Platz in der Schule bzw. im Kindergarten.

Alle, die ich kenne, und auch jene Menschen, mit denen ich zufällig auf der Straße oder in einem Geschäft ins Gespräch gekommen bin, engagieren sich und leisten Hilfe – jeder auf seine eigene Weise. Die Mutigsten transportieren Medikamente und Schutzwesten in die Ukraine. Andere opfern all ihre Freizeit, um den Neuankömmlingen beim Ausfüllen von Dokumenten, der Eröffnung eines Bankkontos oder bei der Arbeitssuche zu helfen. Die Menschen an der Grenze heißen rund um die Uhr Flüchtlinge willkommen, die in immer größerer Zahl aus der Ukraine kommen.

Sie kochen für sie, organisieren die Weiterfahrt in andere Städte und Länder, verteilen die Hunderttausenden von Sachspenden – Decken, Rucksäcke, Plüschtiere für die Kinder –, die aus der ganzen Welt an der polnisch-ukrainischen Grenze ankommen.

Als Mitglieder eines Unternehmerverbands helfen wir dort, wo wir uns am nützlichsten machen können. Wir unterstützen ukrainische Unternehmerinnen und Unternehmern bei der Neugründung ihrer Firma in Polen. Wir helfen ihnen beim Transfer ihres Unternehmens aus den zerstörten Betriebsstätten, Geschäftslokalen, Praxen oder auch Schönheitssalons sowie dabei, jenen Menschen Arbeit zu geben, die sich häufig ohne Unterkunft, Lebensunterhalt und Angehörige wiederfinden.

 In der Warschauer Innenstadt haben wir ein Büro für die ukrainischen Unternehmerverbände eingerichtet. Abgesehen von den Büroräumlichkeiten und der administrativen Unterstützung helfen wir diesen auch dabei, Raum für jene Unternehmen zu finden, die sich für den Wiederaufbau ihrer Geschäftstätigkeit in Polen entscheiden. Für den Anfang haben wir mehrere zehntausend Quadratmeter Produktionsflächen bereitgestellt. Dank der Großzügigkeit der polnischen Unternehmen aus den Industriegebieten Warschaus können diese Flächen den ukrainischen Unternehmen kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Sie müssen lediglich für Wasser und Müllabfuhr bezahlen.

Auch mehr als zwei Monate nach Beginn des Flüchtlingsdramas gibt es in Polen kein einziges Flüchtlingslager, keinen einzigen Ort, an dem die Würde der Menschen angetastet wird oder ihre Sicherheit in Gefahr ist.

Nun stehen sowohl die Ukraine als auch Polen vor einer neuen Phase des Krieges. Wir wollen den Menschen, die hier einen sicheren Zufluchtsort gefunden haben, ihr Leben zurückgeben. Wir können ihnen zwar nicht ihr Land zurückgeben, aber wir können ihnen zumindest Arbeit geben und ihnen so in eine gewisse Normalität zurückhelfen.