Trauer am Internationalen Holocaust-Gedenktag: lasst uns das Schweigen brechen

von Luca Jahier

Wir nähern uns dem Internationalen Holocaust-Gedenktag, und es ist schwer, sich nicht von der Trauer überwältigen zu lassen. Statt einsam in tiefster Trauer zu schweigen, wollen wir lieber unsere Gefühle herausschreien.

Warum ist der Antisemitismus nicht tot, weder in Europa und noch nicht einmal in den USA? Warum wurde im vergangenen Jahr in Frankreich eine Holocaust-Überlebende in ihrer Wohnung erstochen und verbrannt? Warum wurde im Jahr zuvor die pensionierte Leiterin einer Vorschule Sarah Halimi ermordet und anschließend vom Balkon ihrer Pariser Wohnung gestoßen?

Paris. Toulouse. Malmö. Kopenhagen. Berlin, Brüssel. Unsere Menschlichkeit ist mit dem Blut Unschuldiger befleckt. Etwas, das wir für unmöglich hielten, verfolgt uns wieder.

In Deutschland wird Juden aus Angst vor Attentaten davon abgeraten, in der Öffentlichkeit eine Kippa zu tragen. In Frankreich werden jüdische Schulkinder vor dem Besuch einer örtlichen Schule gewarnt, die als antisemitisch gilt. Hinzu kommen die Schändung von Friedhöfen, Hakenkreuzschmierereien an Synagogen und Schulen und die Beschimpfung von Juden als „Affen“ und „Schweine“ bei Demonstrationen gegen Israel. Europa zeigt wieder einmal seine hässliche und unmenschliche Fratze.

Vor Jahrhunderten wurden Juden als religiöse Minderheit verfolgt. Im 20. Jahrhundert galten Juden als Bedrohung für den Staat, daher wollte man sie im Holocaust auslöschen. Heute geraten Juden vornehmlich aufgrund von Ereignissen im Nahen Osten in die Schusslinie, wobei sich der Antisemitismus in einigen Fällen auch in der Leugnung des Holocaust manifestiert.

Viele Juden bekommen die volle Wucht der Wut von Menschen zu spüren, die voller Frust und des Gefühls der Ohnmacht und Entrechtung sind. Immer weniger Juden wollen in Europa leben. Nach Angaben der EU ging die jüdische Bevölkerung in Europa von rund 1,12 Millionen im Jahr 2009 auf 1,08 Millionen im Jahr 2017 zurück. In Frankreich, wo die meisten Juden in der EU leben, schrumpfte sie von rund 500 000 im Jahr 2002 auf 456 000 im Jahr 2017. Juden kehren Europa wegen Hassverbrechen den Rücken.

Fast ein Drittel der europäischen Juden besucht keine Veranstaltungen oder jüdische Gedenkstätten mehr, weil sie sich nicht sicher fühlen. Die Europäische Kommission veröffentlichte im Dezember 2018 eine Umfrage, bei der neun von zehn europäischen Juden die Ansicht vertraten, dass der Antisemitismus in den letzten fünf Jahren zugenommen hat.

89 Prozent der 16 300 Teilnehmer der Umfrage, die in Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Österreich, Polen, Spanien, Schweden, Ungarn und dem Vereinigten Königreich – also den 12 Ländern, in denen 96 Prozent der europäischen Juden zu Hause sind – durchgeführt wurde, waren der Ansicht, dass Antisemitismus im Internet und in den sozialen Netzwerken die größten Probleme verursacht.

Wir dürfen nicht zulassen, dass Hass und Hässlichkeit wieder zurückkehren. Wir müssen aufstehen und uns gegen Hassverbrechen und feindseliges, gewalttätiges Verhalten gegenüber Juden und Minderheiten stellen. Wenn wir als EU-Mitgliedstaaten oder die internationale Gemeinschaft nicht unverzüglich handeln, besteht die Gefahr, dass die Gräueltaten der Vergangenheit wiederaufleben und unsere Gesellschaft vergiften.

Bekanntlich wurde nur drei Tage vor dem Attentat auf Paweł Adamowicz in Danzig eine antisemitische Satiresendung zur besten Sendezeit im Fernsehen ausgestrahlt. In dieser Sendung wurde der Eindruck vermittelt, dass hinter der Wohltätigkeitsorganisation, die Herrn Adamowicz zu der Veranstaltung eingeladen hatte, auf der er getötet wurde, geheime Mächte stehen.

Paweł Adamowicz hat sich in Zeiten zunehmender Hassverbrechen immer unerschütterlich für die Rechte von Minderheiten eingesetzt. Er war auch ein leidenschaftlich liberaler Kritiker der einwandererfeindlichen Migrationspolitik der konservativen Regierungspartei. Seine Ermordung sollte uns Mahnung sein, dass wir Hassreden ein Ende bereiten müssen, wenn wir dem Hass nicht zum Opfer fallen wollen.

Der Opfer des Holocaust und der Gewaltverbrechen der Nazis zu gedenken, ist heute noch wichtiger geworden. Der Holocaust ist ein prägendes Vermächtnis der europäischen Geschichte. Das Gedenken an die Shoah ist wichtig, um Antisemitismus vorzubeugen.

Einige Historiker sind der Ansicht, dass wir eine kritische europäische Erinnerungskultur anstelle einzelner nationaler Erinnerungskulturen benötigen. Wenn wir uns als Europäer nicht gemeinsam erinnern, laufen wir Gefahr, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen.

Je länger wir damit warten, Hassreden zu ächten, und je länger wir brauchen, unsere Vergangenheit zu bewältigen, desto schwieriger wird es, ein echtes neues kollektives europäisches Gedächtnis und eine neue Identität zu schaffen, die auf Vielfalt, einem gemeinsamen Geschichtsverständnis, einem Gemeinschaftsgefühl und letztlich auch einem gemeinsamen Schicksal aufbauen.

Der Auschwitz-Überlebende Primo Levi, Autor des Buches Ist das ein Mensch? und des postum veröffentlichten Essaybands L'asimmetria e la vita, schrieb in seinem letzten Buch Die Untergegangenen und die Geretteten: „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.“