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Warum wir Künstler brauchen, die das Europa von morgen gestalten

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Nun, da die Europawahl ansteht und der politische Diskurs zunehmend vergiftet ist, sollten wir uns die wahre Bedeutung der Europäischen Union ins Gedächtnis rufen. Die EU darf nicht erneut zum Sündenbock dafür gemacht werden, dass die Mitgliedsländer nicht in der Lage sind, die Veränderungen des 21. Jahrhunderts zu bewältigen.

Europa zeichnet sich durch außergewöhnlichen kulturellen und künstlerischen Reichtum und Vitalität sowie durch ein unschätzbares kulturelles Erbe und sprachliche und kulturelle Vielfalt aus. Jahrhundertelang haben sich Künstler, Kaufleute, Wissenschaftler und Geistliche über die sich ständig verändernden Grenzen der Nationalstaaten hinweg ausgetauscht und zusammengearbeitet und so einen europäischen Kulturraum geschaffen. Der berühmte italienische Theater- und Opernregisseur Giorgio Strehler schrieb 1979: „Europa ist und war eine gewisse Vorstellung vom Menschen, schon lange bevor sich ein Regierungssystem herausbildete.“

Im herrschenden politischen Diskurs spielt die Kultur jedoch seltsamerweise keine Rolle.

Wir wissen, dass viele der Herausforderungen, vor denen wir heute stehen – die vom Menschen verursachten Veränderungen der Umwelt, soziale Spannungen in unseren Gemeinden und bis in die internationalen Beziehungen hinein sowie unsere Unfähigkeit, unsere politischen Systeme auf ethische Weise proaktiv an den immer rascheren Wandel im Zuge der weltweiten digitalen Revolution anzupassen –, nur dann konstruktiv bewältigt werden können, wenn wir die Kultur in den Mittelpunkt stellen.

Wie zu Zeiten der Renaissance müssen wir den Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeiten geben, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen, das Gefühl, dass sie etwas bewirken können, wobei Kunst und Kultur die Kreativität fördern und als Katalysatoren für Veränderungen wirken.

Es hat sich gezeigt, dass Kultur und kulturelle Aktivitäten in einer positiven Wechselwirkung zur Demokratie stehen, da sie einen Perspektivwechsel sowie die aktive Mitwirkung und Teilhabe ermöglichen.

Wir wissen, dass Kunst und Kultur den gemeinschaftlichen Zusammenhalt stärken, inklusive Gesellschaften fördern und interkulturellen Austausch gewährleisten. Sie ermöglichen es uns, Unterschiede als etwas Positives wahrzunehmen und von ihrem Potenzial zu profitieren. Sie sind die Grundlage für konstruktive Kritik und offene Reflexion.

Kulturelles Wissen und kulturelle Bildung, sowohl in fester Gestalt als auch informell, ermöglichen uns den Zugang zu unserer vielfältigen Geschichte und die Gestaltung unserer Gegenwart und Zukunft. Wie Umberto Eco im Foucaultschen Pendel richtig feststellte: „Ich glaube, wir werden das, was unsere Väter uns in den toten Zeiten gelehrt haben, während sie nicht daran dachten, uns zu erziehen. Man formt sich an Abfällen der Weisheit.“

Künstlerisches Schaffen und Engagement führen zu einem höheren Maß an Wohlergehen, weniger Angst in einer sich wandelnden Welt, Offenheit und einem positiven Selbstbild, was die Lebenszufriedenheit steigert.

Die Kultur prägt die Art, wie wir interagieren, kommunizieren, glauben und von unserer Gegenwart und unsere Zukunft träumen. Und der vielleicht wichtigste Punkt: Kunst ist über ihren vermeintlichen Nutzen hinaus von zentraler Bedeutung für unsere Identität.

Kunst und Kultur berühren uns auf einer zutiefst emotionalen Ebene jenseits des rationalen Verständnisses. Gefühle sind wichtig, auch in der Politik und beim Regieren – das dürfen wir nicht vergessen.

Allerdings setzen nicht nur Europas offene und demokratische Visionen auf Kunst und deren emotionale Wirkung.

Isolationistische und nationalistische Bewegungen missbrauchen die Begriffe Kultur und Identität oftmals und verwenden sie im engen, statischen Sinn, wobei sie deren emotionales Potenzial ausnutzen.

Wir müssen dafür sorgen, dass diese antidemokratischen Tendenzen nicht an Boden gewinnen. Mithilfe der Künstlerinnen und Künstlern müssen wir sie überwinden, indem wir das Gefühl der Zugehörigkeit und der Teilhabe stärken, durch ein vielfältiges und offenes Verständnis dafür, dass wir im selben Boot sitzen.

Europa war schon immer vielfältig und von Wanderungsbewegungen im Innern wie durch Aus- und Einwanderung geprägt. Migration ist Teil unseres kulturellen Erbes und sollte auch untrennbarer Bestandteil unserer Überlegungen über eine offene, inklusive und sich ständig weiterentwickelnde Interpretation unserer Geschichte sein. Jeder Politiker, der erklärt, dass Flüchtlinge und Migranten aus Europa ferngehalten werden müssen, was eklatant gegen die von der EU hochgehaltenen Grundsätze der Solidarität und der Menschenrechte verstößt, hat einiges im Geschichtsunterricht nachzuholen. Ein offenes und kritisches Verständnis unserer Vergangenheit hilft uns dabei, unsere Gegenwart und Zukunft zu gestalten.

Aus all diesen Gründen habe ich die Kultur in den Mittelpunkt meiner Prioritäten gestellt. Aus all diesen Gründen habe ich beschlossen, die von Künstlerinnen und Künstlern initiierte Kampagne #LEuropaebella zu unterstützen, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Passion für ein geeintes Europa wieder anzufachen, das demokratischer, inklusiver, ökologischer, gastfreundlicher sowie dynamischer ist und sich seiner Stärken, seiner Kreativität und seines kulturellen Reichtums stärker bewusst ist.

Selbst wenn wir mit der heutigen Arbeitsweise der Europäischen Union vielleicht nicht zufrieden sind, so sind wir doch davon überzeugt, dass die populistischen, extremistischen und nationalistischen Strömungen, die bei diesen Wahlen noch zunehmen könnten, uns nicht weiterbringen. Derartige Entwicklungen werden vielmehr zu Spannungen und Konflikten, zu Rückschritt und Stillstand führen, statt Europa neuen Schwung zu geben.

Gemeinsam können wir ein kreatives, offenes und demokratisches Europa voranbringen. Deshalb rufen wir alle Unionsbürgerinnen und Unionsbürger auf, zur Wahl zu gehen und für unsere Grundwerte einzutreten, die unser Europa zu einem Ort der offenen Kultur machen: einen Hort der Freiheit, des Friedens und der Demokratie.

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