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Europa muss sich in Afrika an vorderster Front engagieren, damit wir von den Folgen der Corona-Krise in Afrika nicht wie ein Bumerang getroffen werden

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Passenger screening at Maya Maya International airport, Brazzaville, Republic of Congo | Photo: WHO/Elombat D.

Im Vergleich zu anderen Kontinenten ist Afrika mit seinen fast 1,3 Milliarden Einwohnern bislang weitgehend von der COVID-19-Pandemie verschont geblieben. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Textes waren rund 6 000 Infektionen – vor allem in Südafrika und Algerien – und 200 Todesfälle zu verzeichnen. Das Schlimmste steht aber leider noch bevor.

Vergangene Woche trat das Virus erstmals in zwei krisengeschüttelten Ländern auf – in Libyen und Mali. In einigen Ländern wie Algerien, Südafrika und Ruanda sind mittlerweile Maßnahmen ergriffen worden, um das Virus einzudämmen. Andere Staaten, unter anderem Senegal und die Demokratische Republik Kongo, haben den Ausnahmezustand erklärt und die Bewegungsfreiheit der Bevölkerung eingeschränkt.

In überfüllten Slums jedoch ist soziale Distanzierung praktisch unmöglich, ebenso wie das Händewaschen, wenn fließendes Wasser ein Luxus ist. Die wachsende Zahl der Stadtbewohner (heute lebt fast die Hälfte der Bevölkerung Afrikas in Städten) wird es härter treffen, wenn sie nicht zur Arbeit gehen dürfen, da sie auf das verdiente Geld angewiesen sind, um überleben zu können. Es werden weitere Maßnahmen erforderlich sein, und gleichzeitig müssen Lehren aus früheren Epidemien wie der Ebola-Krise im Jahr 2014 gezogen werden. Die afrikanischen Länder dürfen keine Zeit verlieren und müssen konsequent und rigoros testen, Infektionen zurückverfolgen und Infizierte isolieren.

Angesichts der steigenden Zahl der Infektionen darf Europa seine Augen nicht vor dem Schaden verschließen, den das #Coronavirus der afrikanischen Wirtschaft zufügen wird. Dieser wird mit Sicherheit größer sein als der gesundheitliche Schaden. Die europäischen Staaten werden die einheimischen Unternehmen sicherlich unterstützen, in Afrika verfügen aber nur wenige Staaten über die nötigen Ressourcen für Konjunkturhilfspakete.

Das Wohlergehen einer Milliarde Menschen hängt davon ab, wie wichtig den Staaten die Rettung von Menschenleben ist, wenn sie gleichzeitig den wirtschaftlichen Schaden auf einem Kontinent möglichst gering halten wollen, wo mehr als 400 Millionen Menschen mit weniger als 2 Euro pro Tag auskommen müssen. Mehr als 80 % der afrikanischen Ausfuhren gehen ins nichtafrikanische Ausland, und etwa die Hälfte davon sind Rohstoffe, deren Preise eingebrochen sind. Auch der Tourismus ist völlig zum Erliegen gekommen. Ebenso könnten auch die Heimatüberweisungen bald zurückgehen. Diesem Schreckensszenario könnten leicht noch weitere Elemente hinzugefügt werden.

Europa muss auch bei seiner Strategie für Afrika alles tun, was nötig ist – #whateverittakes –, und die humanitäre, soziale und wirtschaftliche Hilfe verstärken. Dies liegt in beiderseitigem Interesse und steht voll und ganz im Einklang mit der neuen, erst vor einigen Wochen vorgeschlagenen EU-Afrika-Strategie, die überarbeitet werden muss, um den großen, durch die COVID-19-Pandemie verursachten Herausforderungen Rechnung zu tragen. Andere wichtige politische Instrumente wie ein Cotonou-Nachfolgeabkommen und die afrikanische kontinentale Freihandelszone werden vermutlich zurückgestellt werden müssen.

Mehrere afrikanische Politiker und Experten haben deutlich auf die drohende Gefahr für den Kontinent hingewiesen und die internationale Gemeinschaft aufgefordert, angemessen auf diese beispiellose weltweite Pandemie zu reagieren.

Der Hohe Vertreter der EU Josep Borrell hat versprochen, dass Europa seinen Nachbarkontinent bei der Bekämpfung der Pandemie nicht allein lassen werde‚ die nach den Worten von Kommissionsmitglied Jutta Urpilainen wie ein Bumerang nach Europa und in die übrige Welt zurückkehren könnte, wenn nichts unternommen wird, um Afrika zu helfen.

Europa ist gut aufgestellt, um die humanitäre Hilfe zu verstärken, indem es Handelskorridore – insbesondere in den Bereichen Gesundheitsprävention und medizinische Versorgung, Lebensmittel und sofortiger Ausbau der Gesundheitsinfrastruktur – eröffnet und gleichzeitig sicherstellt, dass das Gesundheitspersonal über ausreichende Schutzausrüstung verfügt, entsprechend geschult ist und in einer sicheren Umgebung arbeiten kann.

Vor einigen Tagen haben die Vereinten Nationen einen mit 2 Mrd. US-Dollar ausgestatteten koordinierten globalen Plan für humanitäre Hilfsmaßnahmen zur Bekämpfung der COVID-19-Pandemie in einigen der am stärksten gefährdeten Länder der Welt auf den Weg gebracht. Erfreulicherweise soll dieser Aktionsplan von UN-Organisationen zusammen mit Organisationen der Zivilgesellschaft wie internationalen NRO und NRO-Konsortien umgesetzt werden.

Auch die Staats- und Regierungschefs der G20 haben sich zu koordinierten globalen Maßnahmen verpflichtet und sich bereiterklärt, „alles zu tun, was nötig ist, um die Pandemie zu überwinden“, Menschenleben und Existenzgrundlagen zu schützen, das Vertrauen wiederherzustellen und die derzeit bedrohte Stabilität im Handel und in anderen Sektoren zu stärken. Sie haben auch begriffen, dass es in unser aller Interesse liegt, eine Strategie auf den Weg zu bringen, bei der Afrika bei Maßnahmen zur weltweiten Bekämpfung der COVID-19-Pandemie in den Bereichen Gesundheit, Wirtschaft und Beschäftigung im Mittelpunkt steht.

Nach dem Motto #whateverittakes alles für Afrika zu tun, was nötig ist, bedeutet auch, dem äthiopischen Ministerpräsidenten Abiy Ahmed zuzuhören, der einen robusten globalen Fonds fordert‚ um den Zusammenbruch der Gesundheitssysteme, der Volkswirtschaften und einer stabilen Demokratie in Afrika (dort, wo eine solche bereits vorhanden ist) zu verhindern.

Der Vorschlag, liquide Mittel in Höhe von 1 Billion US-Dollar in Form von Sonderziehungsrechten des Internationalen Währungsfonds (IWF) und einen Beitrag in harter Währung zu leisten, ist zu begrüßen. Begrüßenswert ist auch der Gedanke, eine weitere Billion US-Dollar zu mobilisieren und ein „Erlassjahr“ für die Länder zu verkünden, die am härtesten getroffen sind, das heißt Aussetzung der Rückzahlung bei gleichzeitiger erheblicher Reduzierung der Schuldenlast.

Europa muss seine Aufgabe mit Überzeugung angehen und mit Afrika zusammenarbeiten, um den Fahrplan für den Wiederaufschwung des Kontinents festzulegen. Ansonsten werden andere Akteure wie China die Zukunft Afrikas bestimmen, was wie ein Bumerang auf uns zurückkommen könnte.

 

Pressekontakt 

Daniela Vincenti

Sprecherin des EWSA-Präsidenten

Tel.: +32 2 546 82 62

mobil: +32 470 89 22 66

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Europe must be the frontrunner to avoid Africa’s Corona boomerang

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