PDF export

30 Jahre Fall der Berliner Mauer: Besinnen wir uns auf den Geist von 1989 für eine neue rEUnaissance

This page is also available in

Der Fall der Berliner Mauer vor 30 Jahren rüttelte die Welt wach. Nur wenige hatten damit gerechnet, nur wenige ahnten, was bevorstand: der Zusammenbruch des kommunistischen Blocks in Osteuropa.

Die Bilder dieser Tage bleiben unvergessen. Hunderte von Ostdeutschen strömten euphorisch zur Mauer, begannen, sie mit Hammer und Meißel abzutragen, und umarmten Unbekannte auf der anderen Seite. Für unsere Generation sind sie Sinnbild gelebter Geschichte.

Der Fall der Mauer steht für ein Ereignis, das weithin als historischer Meilenstein bei der Verbreitung der demokratischen Werte des Westens betrachtet wird.

Heute, kurz vor dem 30. Jahrestag, sollten wir uns keinen Illusionen hingeben. Das Jahr 1989 steht für das Ende eines Kapitels der Geschichte und nicht für die ewige Überlegenheit der westlichen liberalen Demokratie, wie es Francis Fukuyama diagnostizierte. Die heutige Welt ist komplexer, als wir jemals gedacht hätten. Die technologische Revolution verändert die Art und Weise, wie wir leben, arbeiten und kämpfen.

Die zunehmenden Wahlerfolge populistischer und nationalistischer Kräfte und die populistischen Stimmen, die in vielen verschiedenen Ländern immer lauter werden, haben offenbar eines gemeinsam: Die Elite, sei es die nationale Regierung oder die Europäische Union, wird beschuldigt, „den Menschen nicht zuzuhören“. Damit einher geht die unklare und verworrene Forderung nach „Wiedererlangung der Kontrolle“.

Die wachsenden Unterschiede und Forderungen, die überall auf der Welt laut werden, stützen sich zunehmend auf den Wunsch nach Würde und Anerkennung. Dazu werden wieder massiv Ansprüche auf der Grundlage der Identität erhoben, gekoppelt mit einem verbreiteten sozialen Narzissmus, der sich auf die beschränkte Wahrnehmung einer kleinen Welt stützt, bestehend aus vielen Einzelerfahrungen, in der die Idee gemeinsamer kollektiver Güter nicht mehr existiert.

Es werden Mauern gegen Fremde errichtet. Es gibt eine Rückwendung zu Protektionismus und Isolationismus, und es werden wieder Feindbilder aufgebaut. Solidarität wird abgelehnt: An einigen Außengrenzen der EU werden sogar Truppen stationiert. Und wir durchleben eine dramatische Scheidung – den Brexit.

Nach 30 Jahren zunehmend offener Grenzen und Anstrengungen zur Schaffung einer Welt auf der Grundlage regulierter, aber dennoch offener Märkte sowie eines offenen und zunehmenden Waren-, Kapital- und Personenverkehrs wächst die Zahl der Mauern wieder. Als die Berliner Mauer fiel, gab es auf der ganzen Welt „nur“ 17 Mauern, die Länder teilten und Menschen trennten. Heute gibt es mehr als 170 Mauern, und einige von ihnen wurden errichtet, um Migranten und Flüchtlinge fernzuhalten. Diese Mauern verursachen Leid und sind ein Geschäft für Menschenhändler.

Wir leben in Zeiten eines sich verschärfenden Konflikts zwischen Leidenschaft und Vernunft, in denen die Vernunft eher verspottet als ernst genommen wird.

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer: So heißt ein berühmtes Werk des großen spanischen Malers Francisco de Goya. Er war indes auch davon überzeugt, dass die großen Wunder der menschlichen Zivilisation nur durch die fruchtbare Vereinigung der Logik der Vernunft und der Vorstellungskraft der Leidenschaft möglich wurden.

Diese Kombination ist Teil des Fundaments der europäischen Geschichte und Zivilisation und hat in Kultur und Werten stets ihre Grundlage, ihren Ursprung und den Quell ihrer Erneuerung gefunden.

Heute ist nicht die Zeit, zu resignieren oder den Mut sinken zu lassen, und noch weniger ist es die Zeit, Angst oder verhängnisvollen Neid zu verbreiten oder kleine Länder in vielfacher Hinsicht zu spalten.

Vielmehr ist es an der Zeit, sich auf Neues einzulassen, etwas zu wagen, zu riskieren, zu träumen – und zwar jetzt und nicht erst morgen. Es ist Zeit, Verantwortung zu übernehmen, zusammenzukommen und starke Bündnisse der unterschiedlichsten Kräfte zu schmieden.

Es ist Zeit für einen neuen Pakt der produktiven Kräfte und der Generationen. Junge Europäer wie Greta Thunberg haben uns sehr deutlich gezeigt, dass das Erfolgsrezept in einer Kombination aus nachhaltiger Entwicklung, die das neue Wirtschafts-, Gesellschafts- und Umweltmodell sein muss, Jugend und zivilgesellschaftlichem Engagement liegt.

Die zunehmende Polarisierung in unseren Ländern darf die Fähigkeit zum Dialog, zum Kompromiss, zur staatsbürgerlichen Leidenschaft und zur Vernunft nicht aushöhlen.

Wie der Philosoph Elie Wiesel schrieb, müssen wir in jedem Menschen ein Universum sehen. Und so wie Verzweiflung nur durch andere Menschen über einen gebracht werden kann, so kommt auch die Hoffnung nur durch andere Menschen, betonte der Friedensnobelpreisträger.

Damit die Europäerinnen und Europäer wieder wie 1989 Hoffnung schöpfen, muss die Hoffnung zur Tat werden. Wir müssen die Wiedervereinigung Europas vollenden, auch auf dem Balkan und auf Zypern, um ein Europa aufzubauen, das den Werten und Träumen derer entspricht, die für Freiheit, Demokratie und eine gerechte Entwicklung auf die Straße gegangen sind wie 1989.

Eines ist gewiss: Damit Europa in dieser Welt bestehen kann, muss es geeint sein. Keiner von uns kann die vier größten globalen Herausforderungen allein bewältigen: Globalisierung, Klimawandel, Digitalisierung und Migration.

Gemeinsam müssen wir eine Politik der EU gegenüber Ländern wie Russland und China formulieren und umsetzen. Deshalb brauchen wir eine wirksamere europäische Diplomatie und mehr Flexibilität aller europäischen Länder. Gemeinsam müssen wir mehr dafür tun, Konflikte in unserer Nachbarschaft zu entschärfen. Gemeinsam müssen wir die europäische Wirtschaft stärken und uns an vorderster Front für eine nachhaltige Entwicklung einsetzen.

Unsere Geschichte gibt uns die Kraft, voranzugehen. Die Renaissance war eine Epoche umfassender und tiefgreifender humanistischer Umwälzungen, die zur Entstehung des modernen Europas geführt hat.

Sie gab den Bürgern die kulturellen und technischen Möglichkeiten, die Handlungskompetenz und neue Entscheidungsstrukturen, so dass sie sich als Gestalter ihres Lebens verstehen und entsprechend handeln konnten.

Angeregt durch unsere eigene europäische Geschichte sollten wir gemeinsam eine neue Renaissance, eine rEUnaissance, für ein neues EUtopia, einleiten.

 

Add new comment